Ignorieren ist keine Alternative – Nachbarschaftliches Engagement für Geflüchtete im Winsviertel, Berlin.

Ignorieren ist keine Alternative – Nachbarschaftliches Engagement für Geflüchtete im Winsviertel, Berlin.

In der Nacht auf den 02.12.2015 wurde in einer buchstäblichen Nacht- und Nebelaktion die Turnhalle in der dem Viertel ihren Namen gebenden Winsstraße in eine Notunterkunft für Flüchtlinge umgewandelt. Rund 200 Menschen beherbergt die sonst von den Schulen genutzte Turnhalle seitdem. Das außerordentliche Engagement der Anwohner beeindruckt lokale Medien, Politik und uns. Denn auch auf nebenan.de ist das Winsviertel eine der größten und aktivsten Nachbarschaften.

Wer sind diese umtriebigen Helfer? Vor der Unterkunft treffe ich Nina. Sie wohnt selbst nicht weit von der Flüchtlingsunterkunft entfernt und ist seit der ersten Stunde mit dabei. Sie koordiniert und organisiert – die beiden wichtigsten Aufgaben, um bei allem Engagement nicht im Chaos zu versinken und Arbeiten doppelt- und dreifach zu erledigen. Gemeinsam betreten wir die Unterkunft und es wird schnell klar: Nina kennt hier jeder. Security, freiwillige Helfer, Bewohner der Unterkunft. Wir sind für die Kleiderausgabe eingeteilt. Die Kleiderkammer ist auf einem der Turnhallenränge eingerichtet. Von dort blickt man in die Halle: Es reihen sich Stockbett an Stockbett - notdürftig mit Laken und Decken abgetrennt, um wenigstens etwas Privatsphäre zu haben. Ich stelle mir vor wie es wäre, mit 200 Menschen hier zu übernachten...

In den folgenden zwei Stunden der Kleiderausgabe schlagen wir uns tapfer. Frauen, Männer, Kinder – für alle müssen Hosen, Mützen, Schuhe und Hygieneartikel gefunden werden. Es wird mit Händen und Füßen kommuniziert. Mit Englisch kommt man nicht immer weiter. Innerhalb von 10 Minuten müssen die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Eritrea etwas Passendes gefunden haben. Dabei hat eine Mutter genau so viel Zeit, Kleidung für sich und ihre zwei Kinder zu suchen, wie ein alleinstehender Mann. Man fühlt sich ein wenig überrannt. Ist das fair? Aber ist Fairness das richtige Maß? Wie definiert man fair? Man hat das Gefühl, dass sich hier jeder Gedanke plötzlich locker zu einer Grundsatzdiskussion ausdehnen ließe. Die Helfer versuchen mit aller Kraft einen akzeptablen und gerechten Umgang zu finden. Das zehrt an ihnen. Ein Nachbar erzählt: „Man muss eben viel testen, neue Regeln ausprobieren. Aber manche reiben sich dabei auf. Es gibt nicht den einen Weg, den wir lange getestet haben und der funktioniert. Schon gar nicht für alle Unterkünfte.“

Was treibt die Nachbarn also an, sich Tag für Tag in ihrem Viertel zu engagieren? Essen auszuteilen, Kleider auszugeben, Sportstunden für die Kinder oder Deutschkurse zu organisieren?

Für Nina gibt es einen entscheidenden Grund: „Man kann nicht dran vorbei oder es einfach ignorieren. Die Turnhalle ist mitten in unserem Kiez und somit auch ein Teil davon. Da ist es leicht, schnell gegenüber bei Kaisers eine Tüte Zucker zu holen und sie vorbei zu bringen.“ Mindestens genauso wichtig: Es wird gesehen! Es spornt an und motiviert. „In anderen Berliner Unterkünften, z.B. wenn diese in einer abgelegeneren Gegend sind, sieht das ganz anders aus“, weiß Nina aus ganz persönlicher Erfahrung. Die NUK (kurz für Notunterkunft) in der Winsstraße sei eine Vorzeige-Unterkunft, sagt ein Nachbar.

Kathrin ist auch eine Nachbarin aus dem Kiez. Sie hat ehrenamtlich einen ganzen Monat lang fast ausschließlich für die Notunterkunft gearbeitet. „Ich befinde mich gerade im Übergang zwischen zwei Jobs. Ich hatte Zeit und ich wollte helfen. Über eine Bekannte, die auch hier lebt, war ich plötzlich drin und habe 8, 9 Stunden am Tag nichts anderes gemacht.“ Im Winsviertel würden eben viele Freiberufler, Selbstständige und Gutverdiener wohnen, die gewisse Freiheiten in ihrem Alltag genießen und diese für ihren Einsatz in der Turnhalle nutzen.

„Ich bin Musiker und gehe erst in drei Wochen wieder auf Tour. Warum ich bis dahin helfe? Mein ursprünglicher Antrieb war es, mit meinem Einsatz hier ein ganz persönliches Statement gegen die platten, rechtsgerichteten Parolen zu setzen. Das heißt aber nicht, dass ich alles, was gerade abläuft, gut finde.“ „Viele sehen den Umgang mit der Flüchtlingsthematik durchaus kritisch, aber gerade hier in der Nachbarschaft können und wollen wir nicht ignorieren, dass wir davon betroffen sind. Es ist mitten im Kiez, einige Helfer wohnen direkt neben der Unterkunft. Tun wir nichts, werfen wir doch auch ein schlechtes Licht auf unsere Nachbarschaft.“

Eine Sorge treibt die Nachbarn jedoch um: Wie lange bleibt das so? Wie weit kann ich mein persönliches Engagement aufrecht erhalten? Viele Nachbarn haben sich jetzt über das Thema Notunterkunft kennengelernt, das alle verbindet und an dem man sich vielleicht auch als Nachbarschaft beweisen kann. Es ist zu hoffen, dass darin die Antwort auf diese Sorge liegt.

„Ich hoffe, es schweißt uns zusammen. Auch über die Zeit der Notunterkunft hinaus“, sagt Kathrin.

Ihr wollt selbst auch aktiv werden?
Hier findet ihr alle wichtigen Informationen zur Notunterkunft Winsstraße und andere Flüchtlingsunterkünfte im Bezirk Pankow, Berlin: http://www.pankow-hilft.de/

Auch in eurer Nachbarschaft gibt es Unterstützerkreise und Hilfsinitiativen? Teilt diese Informationen mit euren Nachbarn auf nebenan.de