Das digitale Dorf: Bürgermeister Dominik vernetzt Nachbarn in Meyenburg

Das digitale Dorf: Bürgermeister Dominik vernetzt Nachbarn in Meyenburg

Das Klischee vom Dorfleben: Jeder kennt jeden – und Nachbarn tauschen sich über den Zaun hinweg aus. Stimmt nicht, sagt Dominik Schmengler. Der 49-Jährige ist seit 2016 Bürgermeister des kleinen Ortes Meyenburg in Niedersachsen und erzählt, wie digitale Vernetzung das Dorfleben beflügeln kann.

Die Meyenburger sind bei nebenan.de besonders aktiv. Wie kam es, dass Sie nebenan.de für Ihr Dorf entdeckt haben?

Dominik Schmengler: Bevor ich nebenan.de auf der Internationalen Grünen Woche im Workshop entdeckte, war ich bereits auf der Suche nach einer digitalen Plattform, die jenseits von Facebook und WhatsApp eine weniger anonyme und vor allem sichere Kommunikation zulässt. Durch den zunehmenden digitalen Austausch scheint es sich leider etabliert zu haben, dass Beleidigungen und hate speech ausgesprochen (bzw. ausgeschrieben) werden dürfen. Das ist bei nebenan.de in der Form zum Glück nicht möglich – denn jeder schreibt und handelt in seinem für alle sichtbaren Namen. Die Plattform ist zugleich übersichtlich und gut strukturiert. Diese Erwartungen wurden absolut erfüllt. Ich war quasi entzückt :)

Welchen praktischen Nutzen hat die Plattform für die Kommunikation zwischen den Bürgern?

Dominik Schmengler: Es werden zahlreiche Aktivitäten der Vereine und ehrenamtlichen Organisationen als Veranstaltungen mitgeteilt und in einen Kalender auf der Plattform aufgenommen. Aus der digitalen Kommunikation entsteht so sehr häufig eine persönliche Begegnung. Es wird wieder öffentlich, welches Engagement in dem Dorf tatsächlich betrieben wird.

Für welche konkreten Bedürfnisse konnten Sie nebenan.de als Bürgermeister bereits nutzen?

Dominik Schmengler: Vor allem in Hinblick auf die Bundestagswahl ist es uns gelungen, viele neue Wahlhelfer*innen zu gewinnen. Eine Nachricht auf der Plattform reichte aus, um sowohl bei der Bundestagswahl als auch bei der Landtagswahl mehr als genügend zu finden. Die Anmeldung war derart zahlreich, dass wir einige auf die nächsten Wahlen vertrösten mussten – in der Vergangenheit war es immer vice versa gewesen: Angestellte der Verwaltung mussten verpflichtet werden, weil es zu wenige Freiwillige gab.

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Welche Erfahrungen haben Sie privat gemacht?

Dominik Schmengler: Ich konnte zum Beispiel einen Kinderfahrradsitz für fünf Monate ausleihen, unser Fahrrad wurde günstig repariert und unser Anhänger mehrfach verliehen. Klassische Nachbarschaftshilfe halt :) Der Nachbar, der unser Fahrrad reparierte, kam um 17 Uhr zu uns, schaute sich das defekte Hinterrad an, baute es ab und nahm es mit. Um 22 Uhr schrieb er, dass er es „heute“ nicht mehr schaffen würde, weil er Speichen wechseln müsste und die erst „morgen“ bekäme. Welch charmanter und witziger Eifer :). Am nächsten Tag war unser Rad wieder tiptop!

Kennen sich die Nachbarn im Ort nicht eh schon alle, sodass eine Online-Vernetzung gar nicht nötig ist?

Dominik Schmengler: Nein, eben nicht. Es gibt Neuhinzugezogene, die mitunter zunächst stärker ihren bisherigen Freundeskreis pflegen und wenige Kontaktmöglichkeiten im Dorfleben finden. Denn die vorhandenen Strukturen müssen identifiziert werden, bevor man sich entsprechend einbringen kann. Das ist ohne strukturierte Plattformen – egal, ob digital oder analog – gar nicht so einfach, wenn man sich nicht auskennt.

Und selbst wenn man sich schon kennt, heißt das nicht, dass man immer alles über den Zaun regeln kann. Bei der Fahrrad-Reparatur wäre das zum Beispiel gar nicht so einfach gewesen. Ich kannte den Nachbarn zwar, hatte aber keine Ahnung von seinen „Talenten“, wäre also nicht auf die Idee gekommen, ihn zu fragen. Bei meinem Aufruf bei nebenan.de kamen aber drei Empfehlungen, wen ich ansprechen könne.

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Warum ist Ihnen persönlich eine funktionierende Nachbarschaft wichtig?

Dominik Schmengler: Dörfer leben von Gemeinschaften. Und auch in Städten ist der Trend doch deutlich zu spüren, dass Menschen nicht mehr in der Anonymität leben wollen. Wir brauchen Austausch, wir wollen ein soziales Miteinander, das macht doch auch Lebensqualität aus. Ich denke, dass sozial gewachsene Strukturen unbedingt aufrechterhalten werden müssen und nur dann funktionieren, wenn jeder Bürger sich als Mit-Bürger sieht. Bedeutet: auch Verantwortung übernimmt und sich aktiv in die Gemeinschaft einbringt.

Was wünschen Sie sich für die „Nachbarschaft der Zukunft“ in Meyenburg?

Dominik Schmengler: Ich wünsche und bemühe mich auch politisch, folgende Säulen in unserer Nachbarschaft zu stärken:

  • Ausbau der Infrastruktur (Digitalisierung, ÖPNV oder alternative Mobilitätsformen)
  • Ansiedlung von Kleinst- und Dienstleistungsgewerbe mit zeitgemäßer Vernetzung und Campusstrukturen (Carsharing, Coworking Spaces, Room & Tool Sharing etc.)
  • Sicherstellung einer vorschulischen und schulischen Grundbildung als Garant für eine wertvolle Bildungschance im ländlichen Raum
  • eine höhere Anerkennungskultur des bestehenden Ehrenamtes und Engagements der Vereine

Diese Faktoren werden zur allgemeinen Attraktivierung unseres Dorfes führen und auch Neubürger aus dem nahen Bremen anziehen. Langsames und doch heterogenes Wachsen und intergenerationelles Durchmischen und Zusammenleben werden langfristig das Dorf bewahren.


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