“Wir sind das Milieu” – Sigrun kämpft mit ihren Nachbarn gegen steigende Mieten

“Wir sind das Milieu” – Sigrun kämpft mit ihren Nachbarn gegen steigende Mieten

Der Berliner Kunger-Kiez ist von Mietwucher und Verdrängung bedroht. Statt klein beizugeben, motiviert Sigrun ihre ganze Nachbarschaft und ruft zur Gegenwehr auf – online und offline. Mit Erfolg!

20 Minuten nach Beginn der Veranstaltung läutet die Türglocke immer noch im Minutentakt. Organisatorin Sigrun winkt einen weiteren Nachbarn herein, der sich durch die Tür in den Versammlungsraum in der Karl-Kunger-Straße schiebt. Es ist ein Freitagabend im Herbst, draußen ist es schon dunkel und kühl geworden. Der Raum platzt mit fast 40 Menschen aus allen Nähten und die Neuankömmlinge müssen sich mit einem Stehplatz im Gang zufriedengeben.

Beim heutigen Treffen des MieterInnen-Bündnisses kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen: Von der über 85-Jährigen Rentnerin bis zum hippen Design-Studenten mit bunten Socken. Sie alle sind sich einig, dass sie die Zukunft ihres Viertels in die eigenen Hände nehmen müssen, damit sich die Situation nicht weiter verschlimmert.

„Es ist echt enorm: vor drei Jahren hast du in der Kiefholzstraße noch 10 € Warmmiete pro Quadratmeter bezahlt, inzwischen sind es 15 bis 20 €”, ärgert sich Sigrun. „Selbst mit meinem recht guten Einkommen könnte ich mir hier keine Wohnung aus dem Immobilienangebot leisten. 900 € warm für 70 qm sind auch für mich zu viel – und das ist grad das günstigste Angebot.“

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Klunker-Kiez? Nein danke!

Der große Andrang zeigt, wie prekär die Lage für Mieter des Kunger-Kiezes inzwischen ist; einem bunt durchmischten Kiez, der aus inhabergeführten Läden und in der Nachbarschaft verwurzelten Kneipen besteht. Zu einem „Klunker-Kiez“ für Kapitalanleger soll diese Gegend nicht werden, doch die Gefahr ist groß.

Umwandlung zu Eigentumswohnungen, Leerstand als Spekulationsobjekt, Luxussanierungen und die daraus resultierenden Mietpreiserhöhungen machen den Anwohnern das Leben schwer. Um die Betroffenen zu informieren und deren Kräfte zu bündeln, hat Sigrun vor ein paar Monaten mit Gleichgesinnten und betroffenen Mietern beschlossen, regelmäßige Treffen zu organisieren.

“Wohnen darf keine Ware sein”

Die über 50-jährige Sigrun beschäftigt sich schon lange mit der Frage, wie Wohnraum für alle bezahlbar bleiben kann. Sie wohnt seit 1988 hier im Kiez und hat die Veränderungen seitdem mitverfolgt. In den 1980ern, als Studentin, besetzte sie mit Gleichgesinnten Häuser in Berlin.

Die Situation war der heutigen sehr ähnlich: Es gab Wohnungsknappheit und Kapital, das Anlagemöglichkeiten suchte. Die Berliner, die Eckkneipe, die Tante-Emma-Läden – alle unterstützten die Besetzer und waren sich einig: “Wohnen darf keine Ware sein”. Denn dies führt dazu, dass sich einige auf Kosten der wenig Besitzenden hemmungslos bereichern.

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Aufwertung auf Kosten der Schwachen

Bereits 2010 hat Sigrun das Problem erkannt und Diskussionsveranstaltungen organisiert. Damals wollten die Politiker die steigende Spannung auf dem Wohnungsmarkt lange nicht wahrhaben und argumentierten sogar, dass die Neubauten und steigenden Mieten zu einer positiven Aufwertung führen würden. Doch Sigrun wollte nicht akzeptieren, dass die sogenannte Aufwertung letztendlich zur Vertreibung der finanziell schwächsten Bewohner des Kiezes führt. Anstatt sich zu ärgern, kümmert sich Sigrun ehrenamtlich um ihre Nachbarschaft, neben ihrem Beruf als Ausbilderin für Anlagemechaniker SHK.

Jeder Nachbar, der Sorge um seine Wohnung hat oder sich über Lage im Kiez informieren möchte, findet bei Sigrun ein offenes Ohr. Durch das jahrelange Engagement ist sie eine Art Spezialistin rund um das Thema Miete geworden und kümmert sich nun persönlich um die Belange der Betroffenen. Außerdem arbeitet sie eng mit zwei Kiez-Initiativen zusammen und fordert ihre Nachbarn auf, es ihr gleich zu tun.

Vernetzung online und offline

Auch wenn die Vernetzung des Kunger-Kiezes auch offline gut funktioniert, findet Sigrun es praktisch, zusätzlich Online-Tools wie nebenan.de zur Verfügung zu haben:

"Die Website kann ich gut nutzen, um Informationen schnell und lokal zu teilen. Durch nebenan.de bekomme ich Reichweiten, die über unseren Kiez hinausgehen und noch bis in die angrenzen Nachbarschaften hineinreichen.”

Die Nachbarn, die Sigrun online erreicht, treffen sich offline und diskutieren bei den regelmäßigen Kieztreffen bis spät in die Nacht über die Zukunft des Kunger-Kiez, koordinieren Arbeitsgruppen und sprechen über ihre Netzwerkmöglichkeiten. Es gilt: jeder bringt seine Stärken ein, wo er kann. Auf der Tagesordnung steht mal der Aufruf zu einer Unterschriftenaktion, mal die Organisation der nächsten Demonstration.

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Pläne und erste Erfolge

Beim heutigen Treffen planen die Nachbarn einen Laternenlauf, bei dem es an einigen Häusern Lichtinstallationen geben wird, die auf die anstehenden Mieterhöhungen aufmerksam machen sollen. Auch Politiker werden aktiv eingebunden und um Unterstützung gebeten. Als Gast steht heute Katalin Gennburg, die für DIE LINKE im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, eine Stunde lang Rede und Antwort.

Sigrun ist stolz, dass die Initiativen schon viel erreicht haben: „Der größte Erfolg war die Umwandlung unseres Kiezes in ein Milieuschutzgebiet. Wir haben damit genau das erreicht, was wir wollten. Denn nun ist es um einiges schwerer geworden, hier einfach so zu sanieren oder eine Wohnung in eine Eigentumswohnung zu verwandeln. Es gibt immer noch viel zu tun, aber das war ein großer Schritt in die richtige Richtung.”

Im nächsten Jahr wollen Sigrun und ihre Mitstreiter einen „Runden Tisch“ initiieren. Dadurch möchten sie mit den verschiedenen Akteuren aus Politik, Stadtentwicklung und Verwaltung zu den Problemen der Mieter ins Gespräch kommen.

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