Ein Hermann wandert durch die Nachbarschaft und leidet an Trennungsschmerz

Ein Hermann wandert durch die Nachbarschaft und leidet an Trennungsschmerz

Die 29-jährige Aline kommt aus Pirna, dem „Tor zur Sächsischen Schweiz“ und lebt seit zwei Jahren in Dresden-Cotta. Sie kocht und backt leidenschaftlich gern: Traditionelle Gerichte aus der eigenen und anderen Kulturen – oder ganz neue Interpretationen von Rezepten oder Zutaten. Von einer Freundin bekommt sie eines Tages einen „Hermann“-Teig geschenkt, der schneller wächst, als sie backen kann. Sie teilt den Hermann mit der Nachbarschaft – doch das nimmt er ihr übel, wie Aline selbst erzählt:

„Eigentlich war es nur ein gemütlicher Spieleabend, als sich ein alter Bekannter wieder in Form von leckeren Muffins in mein Leben schlich und meine Begeisterung von neuem weckte. Meine beste Freundin brachte ihn als Überraschungsgast mit, den Hermann. Und nun bat sie mich, sich um seine Pflege zu kümmern.

Dieses Angebot konnte ich nicht ablehnen, wusste ich doch, was für tolle Sachen man aus dem Teig, den ich noch aus Kindheitstagen kannte, so alles zaubern kann. Eine passende Pflegeanleitung und ein erstes Rezept brachte die Freundin auch gleich mit.

Nun ging es also die nächsten Tage daran, ein schönes Plätzchen für den noch kleinen Teig zu finden. Gar nicht so einfach. Hermann mag ja kein Metall und ein bisschen warm musste es auch noch sein. Zum Glück kein Problem bei sommerlichen Temperaturen. Die wenig anspruchsvolle Nahrung für den Teig hatte ich ebenfalls schnell zur Hand. Der kleine Hermann konnte also erst einmal in Ruhe wachsen und gedeihen.

Jetzt wusste ich nur noch nicht, was ich mit den kleinen Kinderlein des Hermann anstellen sollte. Deshalb recherchierte ich gleich am nächsten Tag nach Rezeptbüchern, um mit den Teig-Kindern anständige Dinge zubereiten zu können. Gar nicht so einfach, wie sich herausstellte, da es gefühlt nur etwa drei Bücher zu dem Thema gab und die Online-Foren auch nicht so viele verschiedene Varianten zur Verarbeitung anboten.

Ich ergatterte trotzdem eines mit dem Titel: "Backen mit Hermann und Siegfried", welches sowohl herzhafte und süße Rezept-Varianten aufzeigt. Ich probierte für den Ansatz als erstes einen Kuchen, der wirklich gut gelang. Jetzt hatte ich aber noch die Teig-Kinder übrig und jedes Mal mehrere Kuchen oder Brote schafft weder keiner zu backen oder zu essen.

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Schnell kam ich zu dem Entschluss, dass ich die Teig-Kinder des Hermann zur Adoption freigeben musste. Wohin sonst mit so viel Teig? Also nutzte ich das Portal nebenan.de, um interessierte Menschen zu finden. Hier hatte ich schon Anzeigen für Pflanzen, Kräuter, Gartenfrüchte und andere kulinarische Highlights gefunden, warum dann nicht einen Hermann-Teig anbieten?

Zu meiner Begeisterung meldeten sich schnell mehrere nette Nachbarn, die bereit waren die Pflege des Teiges fortzusetzen. Sie wohnten alle gleich um die Ecke, sodass die Termine ganz einfach zu vereinbaren waren. Von einer älteren Frau, die sich anscheinend gerne mit selbst gemachten Lebensmitteln befasst, erhielt ich im Tausch sogar einen Milchkefir, mit dem ich mir nun auch noch selbst gesunde Getränke zubereiten konnte. Alles lief sehr unkompliziert und man hat wieder neue liebe Menschen getroffen, mit denen man seine Begeisterung teilen kann.

Kurz nachdem ich die Kinder in liebevolle Hände gegeben hatte, hatte Hermann keine Lust mehr zu wachsen und verließ mich säuerlich. Er hat die Weggabe der Kinder wahrscheinlich nicht verkraftet. Aber das macht nichts, denn ich habe ja jetzt das Buch über ihn und kann jederzeit einen neuen Ansatz wagen und ihn sozusagen wiederbeleben.

Ich freue mich schon auf neue Gaumenfreuden und hoffe, dass alle Kinderlein den neuen Besitzern ebenso viel Freude bereitet haben. Einen Hermann zu haben, ist eben Liebe, die durch den Magen geht."

Aline C. aus Dresden