Experiment Nachbarschaftsküche: Leander kocht für Nachbarn über offenem Feuer

Experiment Nachbarschaftsküche: Leander kocht für Nachbarn über offenem Feuer

Wie können wir uns als Nachbarn gegenseitig den Alltag erleichtern? Das ist eine der Fragen, die Leander nicht nur privat, sondern auch beruflich beschäftigt. Er startet über nebenan.de einen Pilotversuch und lädt seine Nachbarn zum Kochen über dem offenen Feuer ein. Fast wäre das Experiment gescheitert.

Es ist ein herbstlicher Abend im Oktober. Um ein prasselndes Lagerfeuer herum sitzen rund 30 Leute und löffeln die Suppe, die sie zuvor über dem Feuer gekocht haben. Und das mitten in der Stadt, auf dem Gelände der alten Kindl Brauerei in Berlin Neukölln. Keine Runde von alten Freunden trifft sich hier, sondern die meisten lernen sich gerade erst kennen.

„Ich glaube, Leute aus der Nachbarschaft zum gemeinsamen Kochen zusammen zu versammeln, kann den Alltag von jedem Einzelnen entlasten. Ob diese Vermutung stimmt, wollte ich testen“, erzählt Leander. Ihm ist es zu verdanken, dass sich die Anwesenden heute an den gedeckten Tisch setzen durften und nicht jeder für sich selbst kochen musste.

Forschung in Aktion

Leander arbeitet in einem Forschungsprojekt der Robert-Bosch-Stiftung, das große und kleine Veränderungen im Leben in der Stadt und auf dem Land untersucht. Welche Auswirkungen gemeinschaftliches Kochen haben kann, ist ein Aspekt seiner Forschung. Wie wir achtsamer mit Lebensmitteln und Energie umgehen können, ein weiterer. Aber Leander forscht nicht vom Schreibtisch aus, sondern setzt auf die so genannte „Aktionsforschung“ – startet also selbst eine Aktion, in der er seine These mit den Teilnehmern diskutieren kann.

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Zu beschäftigt, um spontan zu sein?

Fast wäre Leander gar nicht erst so weit gekommen. Denn sein erster Versuch, den Kochabend ins Leben zu rufen, verlief im Sande: Bei nebenan.de startete er einen Aufruf und lud seine Nachbarn zu dem besonderen Kochabend ein. Wer hat Lust mitzumachen? Wer kann etwas beisteuern?

Doch leider erhielt Leander kaum Reaktionen von seinen Nachbarn, obwohl sich seine Nachbarschaft sonst ziemlich aktiv bei nebenan.de austauscht. Er war enttäuscht.

„Ich habe oft das Gefühl, die Menschen sind heute alle zu busy. Die Lebensstile lassen kaum Zeit für Spontanität. Dazu kommt eine Art Großstadtermüdung und die Skepsis: ‚Wo ist hier der Haken? Das kann doch gar nicht sein, dass jemand mir einfach so aus Großzügigkeit etwas schenkt, ohne was dafür zurückzuverlangen.’“

Der zweite Anlauf fruchtet

Leander wollte genauer wissen, warum seine Idee nicht geklappt hat. „Ich habe mich dann getraut, meine Enttäuschung einfach mitzuteilen und die Nachbarn online nach den Gründen zu fragen. Und dann ging’s ab!“

Viele Nachbarn meldeten sich auf Leanders Beitrag und sagten, wie toll sie die Idee fanden. Manche hatten seinen Beitrag zu spät gesehen, wollten aber auf jeden Fall ein anderes Mal dabei sein. „Da ist meine Enttäuschung ganz schnell in Enthusiasmus umgeschlagen“, erzählt Leander. „Ich habe dann einen zweiten Versuch mit mehr Vorlauf gestartet, und der hat super funktioniert“.

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Suppe löffeln im Lagerfeuerschein

Leander kündigt beim zweiten Anlauf den Kochabend für einen Freitag im Oktober an. Über nebenan.de findet er eine Feuerschale, ein Seil und Mitstreiter, die beim Aufbau helfen. Eine Nachbarin bringt Leander sogar einen riesigen Kürbis aus dem Garten ihrer Schwiegereltern mit. „Der war so groß und schwer, dass ich ihn kaum die Treppe runtertragen konnte!“ Ein anderer Nachbar, Andreas, der regelmäßig Lebensmittel rettet, bietet an, größere Mengen Brot und andere Leckereien für den Abend vorbei zu bringen.

Im Abendlicht baut Leander mit den anderen Freiwilligen auf: Aus drei großen Ästen binden die Nachbarn einen Dreifuß zusammen, an den sie einen großen Emaille-Topf hängen. Auf der Feuerschale darunter stapeln sie das Holz. „Und dann haben wir ein richtig fettes Feuer gemacht!“ erzählt Leander lachend.

Nach und nach füllen sich die Bierbänke, die rund ums Feuer stehen. Einige Leute kommen aus Leanders direkter Nachbarschaft am Kranoldplatz, wo er mit seiner Freundin und der neun Monate alten Tochter lebt. Andere aus der Nähe der Kindl-Brauerei und auch neugierige Passanten lädt Leander spontan ein, mitzuessen.

„Ich hab’ mich gefreut, dass es so eine große Runde war! Ich habe dann kurze Fragebögen verteilt, auf denen Leute notieren konnten, ob sie sich eine Kochrunde öfters vorstellen könnten und was ihre Wünsche wären. Da sind viele gute Ideen zusammengekommen!“

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In den nächsten Monaten will Leander die Antworten und Erfahrungen des Abends genauer auswerten. Dann möchte er einen Kochabend nach dem gleichen Prinzip in einer ländlichen Gegend veranstalten und sehen, welche Unterschiede es gibt. „Am schönsten wäre es, danach beide Nachbarschaftsgruppen zusammen zu bringen.“

Leanders nächster Kochabend in Berlin soll im Februar 2018 stattfinden. „Meine Idealvorstellung ist, dass daraus ein regelmäßiges Treffen wird, das auch ohne meine Initiative funktioniert. Jeden Monat – oder sogar jede Woche.“

Das „soziale Biotop Nachbarschaft“

Auch aus wissenschaftlicher Perspektive hat sich Leander seine Gedanken zum Zusammenleben in der Nachbarschaft gemacht:

„Nachbarschaft zwingt uns, die eigene ‚Filterblase’ zu verlassen. Man lebt neben Leuten, die ganz andere Berufe haben und vielleicht nicht die gleiche Meinung haben wie ich und mein Freundeskreis. Da prallen unterschiedliche Lebensrealitäten aufeinander. Und das ist gut! Ich glaube, dass man dadurch mehr Empathie und Toleranz für andere entwickeln kann.

Ich glaube, eine Plattform wie nebenan.de kann den Weg für einen ersten vorsichtigen Schritt bereiten, quasi den Nährboden für gegenseitiges Vertrauen schaffen. Ich kann Beiträge von Nachbarn lesen und merke, hey das sind ja auch nur Menschen, vor denen ich keine Angst haben muss. Und dann fällt es leichter, miteinander ins Gespräch zu kommen.“


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