Sie wollen nicht nur kleine Brötchen backen - wie drei Zutaten die verschiedensten Menschen zusammen bringen.

Sie wollen nicht nur kleine Brötchen backen - wie drei Zutaten die verschiedensten Menschen zusammen bringen.

„Wer hat in der "Fränkischen" nicht schon bewundernd auf einen rauchenden Brotbackofen geguckt, an dem sich die Bäuerinnen trafen und unter viel "Gewettere" ihre Brote einschoben. Der Ofen ist damit oft ein Mittelpunkt des dörflichen Gemeinschaftslebens gewesen, an dem Taufen, Hochzeiten, Schafkopfturniere und neueste Liebesgerüchte besprochen und ausgewertet wurden. So gesehen bräuchte eigentlich jedes funktionierende Gemeinwesen wieder einen Brotbackofen.“

Diesen Aufruf startete der 70-jährige Werner aus Erlangen-Ost auf nebenan.de vor knapp einem Jahr. nebenan.de ist Deutschlands größtes soziales Netzwerk für Nachbarn mit über einer halben Million aktiven Nutzern in über 4.000 Nachbarschaften. Allein in Werners Nachbarschaft sind 464 Anwohner aktiv über nebenan.de vernetzt. Werner war Sozialpädagoge, der leidenschaftlich gerne Rock’n’Roll tanzt, mit seinem VW-Bus die Welt entdeckt und sich gerne “gesellschaftlich engagiert”. Das tat er schon immer und hat neben einigen Bierbraugruppen und Stammtischen auch das Wohnprojekt „Stadtteilquartier Erlangen“ mitgegründet.

„Für’s reden bin ich immer zu haben. Für’s machen auch!“
Aber wie ist Werner aufs Brot gekommen? Geboren in Franken und geschliffen von der „Ton, Steine, Scherben“-Generation ging es Werner schon immer darum, den Status Quo zu hinterfragen und Alternativen auszuprobieren. Ihm gefällt das Stadtleben, aber es stört ihn, dass die Menschen anonym nebeneinander leben, sich zurückziehen und verlernen, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Er ist überzeugt, dass es gerade in Städten Projekte braucht, die Menschen zusammenbringen, Freude machen und zum Mitmachen anregen. Aus “Wir packen es an” machte er kurzerhand “Wir backen es an”. Die Brotback-Initiative war geboren und fand schnell Anhänger auf nebenan.de. Darunter auch Gabi und ihr Mann Stefan die mittlerweile zum Kernteam gehören. Auch Helmut gehört dazu, welcher Bundestagskandidat der Grünen für Erlangen und Erlangen-Höchstadt ist.

Gabi, durch und durch ein Familienmensch, findet es spannend auszuprobieren, wie man auch in der Stadt so nachhaltig wie möglich leben kann. Neben dem Job bei Siemens sucht ihr Mann Stefan den Ausgleich in der Natur und bei der Handarbeit. Deshalb hat die Familie einen eigenen Gemüsegarten und sogar drei Hühner mit 9 Küken.

„Es ist unglaublich wie selten die Menschen, die zu uns kommen, Ahnung von der Natur haben, in der sie doch eigentlich leben. Sie denken oft, dass aus jedem Ei ein Küken schlüpfen würde, wenn man nur lange genug wartet“, lacht sie.

Diesem fehlenden Bezug mit Aufklärung entgegenzuwirken und damit ein Stück Kulturgut wieder aufleben zu lassen, ist deshalb ihr Anliegen. Sie möchte es vor allem den Menschen, die in einer Mietwohnung leben, ermöglichen, etwas mit den eigenen Händen zu machen. Über das Brotbacken verstehen die Teilnehmer zudem den Zusammenhang mit der Natur und es ist einfacher, über bewusste Ernährung aufzuklären und die Lebensweise der Interessierten positiv zu verändern. Denn nur wenige wissen, dass das abgepackte Brot in Supermärkten mit importierten Zutaten und Zusatzstoffen produziert wird, obwohl alles viel gesünder und regional hergestellt werden kann. Gerade die Deutschen sind Meister des Brotbackens und -essens. Das deutsche Brothandwerk hat 300 Brotsorten und über 1.200 Kleingebäcke zu bieten. Und dennoch musste der alteingesessene Bäcker in Erlangen-Ost schließen, weil er keinen Nachfolger fand.

Vom Ofen zum Stadtteilnetzwerk
Werner hätte gerne zusammen mit seinen Nachbarn einen Holzofen gebaut, doch die Auflagen und der bürokratische Aufwand waren zu hoch. Wie es der Zufall wollte, kannte ein Mitglied der Brotbackgruppe einen Bäckermeister in Oberfranken, der in Rente gehen wollte und keine Verwendung für seinen traditionellen Holzofen ohne jegliche Elektrik hatte. Die Gemeinschaft sammelte Spenden über nebenan.de und mit etwas Verhandlungsgeschick gehörte der Ofen für rund 2.000 Euro schon bald der Initiative. Freiwillig Engagierte des ortsansässigen Arche Bauernhofs halfen beim Transport und Aufbau auf dem Pfadfindergelände mitten in der Stadt Erlangen.
alt Gemeinsam überlegte und plante die Nachbarschaftsinitiative, wie sie den Ofen zum Treffpunkt machen können. Seither gibt es alle vier Wochen einen Brotbacktag, bei denen sich regelmäßig um die 15 Nachbarn jeden Alters treffen. Den Teig bereiten alle Teilnehmer davor zu und bringen ihn zum Backtag mit. Auch ein Bäckermeister aus Erlangen schaut öfter vorbei und gibt sein Wissen besonders gern an die jüngere Generation weiter. Den Roggen für das Mehl beziehen Gabi und ihr Mann von einem nahegelegenen Bio-Bauernhof, geschrotet wird selbst. So erlernen die Interessierten Schritt für Schritt die Kunst des Brotbackens: vom Anbau und die Verarbeitung von Zutaten, über unterschiedliche Rezepte und Brotsorten bis hin zur richtigen Befeuerungstechnik für den Holzofen.

„Es ist einfach toll zu wissen, was alles in unseren Sauerteigbroten steckt: Mehl, Wasser und Salz. Es sind wirklich nur drei Zutaten - keinerlei Zusatzstoffe. Und dabei noch viele nette Leute aus der Nachbarschaft kennenzulernen und neu Zugezogene und Alteingesessene miteinander zu verbinden, ist doch der schönste Nebeneffekt.“ sagt Gabi zufrieden.

Das Backen bleibt spannend, denn Jedes Mal fallen die Backresultate etwas anders aus. Nicht nur Brot wird in dem Ofen gebacken, sondern bei schwächerer Hitze auch Kuchen, Pizza und am Ende lässt sich sogar das Holz für das nächste Event trocknen. Die Pizza wird dann gleich verspeist, während man gespannt darauf wartet, dass das Brot fertig wird. Die Vorfreude auf das nächste Backen in der neuen Gemeinschaft ist groß.
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Die Initiative möchte das Projekt noch inklusiver gestalten. Angedacht ist eine Kooperation mit einer Grundschule mit Inklusionskindern im Stadtteil. Schulklassen aus der Ganztagsbetreuung sollen den Holzofen auf dem naturnahen Grundstück für wöchentliche Projektnachmittage unter Anleitung nutzen dürfen.

“Gerade bei Kindern mit erhöhtem Förderbedarf – sei es wegen einer Behinderung oder ihren Migrationshintergrund – greift das gängige Angebot von Spanisch, Schach oder Basketball zu kurz.” erklärt Gabi, die selbst ein Kind mit Behinderung großzieht.

Das Schulprogramm der Initiative „Wir backen es an“ soll daher auch Bewegung und alles rund um gesunde Ernährung umfassen.

Uns hat das Thema Brot so sehr gepackt, dass wir für euch kurioses wie interessantes Wissen zusammengestellt haben: alt